1891 bis 1915

Die Mutter Auguste Stein führte den Holzhandel mit Hilfe der älteren Kinder selbständig weiter. Sie war eine in der jüdischen Tradition verwurzelte Frau, die sich selbst aber Handlungsspielraum, Entscheidungsbefugnis und Werturteil zutraute; ihre Kinder wollte sie zu selbstverantwortlichem, Einsatz-freudigem Handeln erziehen.

So entwickelte sich bei dem lebhaften, von Ideen sprühenden, aber auch eigenwilligen Kind ein verstärkter Widerwille gegenüber allem, was Würde oder Geistesfreiheit des Menschen behindern konnte.

Edith träumte früh von Glück und Ruhm, denn sie war davon überzeugt, daß sie zu etwas Großem bestimmt sei. Über ihre Schulzeit sagte sie selbst: “Ich war eine übereifrige Schülerin. Ich konnte mit hochgerecktem Zeigefinger bis zum Katheder vorhüpfen, um nur ja dranzukommen. Meine Lieblingsfächer waren Deutsch und Geschichte. Ich fing schon am frühen Morgen an zu lesen, während mich meine Mutter frisierte.”

Die 14-jährige Edith wollte ein selbständiger Mensch werden und versuchte, sich der Leitung durch Mutter und Geschwister zu entziehen. So verließ sie überraschend die Schule und zog nach Hamburg zu ihrer ältesten Schwester Else, der sie im Haushalt zur Hand ging.

Nach zehn Monaten kehrte Edith jedoch nach Breslau zurück und besuchte auch wieder das Gymnasium. Dieses schloß sie mit einem ausgezeichneten Abitur ab.

Danach studierte sie in Breslau und Göttingen. Hier lernte sie den Philosophen Husserl kennen, dessen Lieblingsschülerin Edith Stein wurde. 1916 promovierte sie bei ihm mit “summa cum laude”.

1915 bis 1933

Die junge Gelehrte wurde zunächst Assistentin ihres Lehrers Edmund Husserl in Freiburg. Sie ordnete und überarbeitete seine Aufzeichnungen und hielt philo-sophische Einführungsvorträge. Als sie im Bewußt-sein ihrer Fähigkeiten diese untergeordnete Tätigkeit aufgab und habilitieren wollte, ließ Husserl sie nicht zu.

Dieses Erlebnis sowie andere persönliche Enttäuschungen bewirkten tiefe Niedergeschlagenheit, führten sie dann aber auf einen neuen Weg: Edith Stein, die sich als Fünfzehnjährige Atheistin nannte, konvertierte zum katholischen Glauben und wurde Lehrerin bei den Dominikanerinnen in Speyer.

Zeitzeugen erinnern sich: Ihr Unterrichtsniveau war anspruchsvoll; sie wußte viel, gab viel, forderte viel. Sie zensierte streng, aber gerecht. Auffallend waren ihre Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft; sie galt als bedeutende Erzieherpersönlichkeit.

Neben der Lehrtätigkeit widmete sich Edith Stein weiterhin ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Sie nahm in vielbeachteten Vorträgen und Publikationen zu philosophischen und pädagogischen Zeitproblemen Stellung; so etwa bei den Salzburger Hochschul-wochen zum Thema: "Das Ethos der Frauenberufe". Dadurch eröffnete sich nochmals eine Perspektive für die akademische Laufbahn.

Edith Stein schied aus dem Schuldienst, um in Breslau an ihrer Habilitationsschrift "Potenz und Akt" zu arbeiten. Sie bewarb sich damit in Freiburg und Breslau - ohne Erfolg. 1932 folgte Dr. Stein einem Ruf an das Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster, verlor jedoch bereits 1933 diese Stelle wegen ihrer jüdischen Abstammung.

1933 bis 1942

Durch die politische Lage stand Edith Stein in einer Lebenssituation, die eine grundlegende Entscheidung verlangte. Ein Angebot nach Südamerika lehnte sie ab, ebenso die Möglichkeit, in Erwartung besserer Zeiten in Münster zurückgezogen wissenschaftlich weiterzuarbeiten. Ihre Entscheidung fiel am 14. Oktober: Sie trat mit 42 Jahren als Schwester Teresia Benedicta in den Kölner Karmel ein. Nun verband Edith Stein betende Anschauung mit wissenschaftlicher Arbeit, was im Bereich der Frauenorden eine Ausnahme darstellte. Sie überarbeitete ihre Habilitationsschrift, und es entstand ein völlig neues Werk: "Endliches und ewiges Sein". Die großen philosophischen Fragen sieht sie nun im Licht der Offenbarung, und so findet sie Antworten auf die Frage nach dem Wesen des menschlichen Seins.

Doch das Kloster war kein Ort der Ruhe und Sicherheit. Bei der Wahl zur Bestätigung der Regierungspolitik Hitlers 1938 wurde die jüdische Abstammung von Edith Stein entdeckt. Um ihr Leben zu retten, drängte sie, in einen ausländischen Karmel versetzt zu werden, was ihr am 31.12.1938 auch gelang; sie siedelte nach Echt in Holland über.

Die politische Lage spitzte sich auch in Holland immer mehr zu. Edith Stein versuchte, in einem Schweizer Karmel Unterkunft zu finden, doch die Formalitäten für die Ausreise verschleppten sich. Am 2. August 1942 holte die SS Edith Stein ab und brachte sie ins Lager Westerbork, von wo aus der Transport nach Auschwitz ging. Noch zwei Lebenszeichen konnte Edith Stein geben: einen Gruß an die Dominikanerinnen in Speyer und einen an die Liobaschwestern in Freiburg.

Am 9. August endet das Leben Edith Steins in Auschwitz - Birkenau.